Wie erkennt
man psychische Gewalt?
Lehreraggressionen
gegen Schüler (Teil 2)
Die Anwendung von
psychischer Gewalt ist weit verbreitet (Elternhaus,
Berufsleben, Freundeskreis, „Mobbing”),
doch in den Schulen besonders wirksam: Betroffen
sind hier keine Erwachsenen, sondern wehrlose Kinder
und Jugendliche. Lehrer erziehen nicht ihre eigenen
Kinder in begrenzter Anzahl, sondern stehen in Verantwortung
für eine Vielzahl von Kindern fremder Eltern.
Bei Anwendung psychischer Gewalt überschreiten
sie den Rahmen des staatlichen Erziehungsauftrags
wie auch ihren eigenen Ermessensspielraum und mißachten
die Grundrechte der Erziehung durch die Eltern (Grundgesetz,
Artikel 6).
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„Angst”
als Erziehungsmittel
Während
Schläge feststellbare Spuren am Körper hinterlassen,
führt die psychische Gewalt zu äußerlich
unsichtbaren Schäden im Gefühlsleben (Psyche).
Sie ist schwierig zu erkennen (nachzuweisen) und wird subjektiv,
d. h. von Schüler zu Schüler unterschiedlich empfunden.
Auch die Reaktionen jedes Einzelnen sind individuell verschieden,
beeinflußt u. a. von Persönlichkeitsstruktur
und Reifegrad, bisherigen Erfahrungen, familiärem und
sozialem Umfeld (und auch die Gesellschaftsstrukturen haben
sich radikal verändert).
Zentrales Kennzeichen
von psychischer Gewalt ist das gezielte Verursachen von
„Angst" in unterschiedlichster Ausprägung,
insbesondere Isolierung, Mißachtung und Ausgrenzung,
Einschüchterung und Unterdrückung, Verspottung
und Beleidigung, Entwertung und Entmutigung. „Angst”
wird hierbei als Erziehungsmittel eingesetzt und auf das
emotionale, existentielle Empfinden von Kindern oder Jugendlichen
ausgerichtet.
Die Grenzen sind fließend.
So versuchen Lehrer immer häufiger, ihr eigenes Verhalten
und ihre Ausdrucksweise an jene der Schüler anzupassen,
um besser mit ihnen zurecht zu kommen (Kumpelverhalten).
Ungeachtet dessen, daß es sich um eine fatale Fehleinschätzung
handelt, die bei Schülern genau die gegenteilige Wirkung
entfaltet, wird gerade hierbei allzuoft die Grenze zur psychischen
Gewalt überschritten, z. B. durch Beleidigung der Schüler
mit dem „Arschloch"- Begriff, angewendet auf
die Klassengemeinschaft insgesamt: „Guten Morgen,
ihr Arschlöcher”; „Ihr seid –pardon!
– Arschlöcher!” oder zu einem einzelnen
Schüler: „Immer noch „Sie” –
Arschloch!” (nachgewiesene Beispiele!).
Beleidigung
ist nach dem Gesetz
ein „rechtswidriger Angriff auf die Ehre eines
anderen durch vorsätzliche Kundgebung der Mißachtung”.
Bei Beleidigung
von Beamten (die meisten Lehrer) wird zumeist ein
„öffentliches Interesse” angenommen.
Das angedrohte Strafmaß beträgt ein Jahr
Gefängnis oder 10 bis 30 Tagessätze (in
der Regel Geldstrafen).
Die Tagessätze
richten sich nach dem Netto-Einkommen. Beispiel: Bei
3000 Euro beträgt die Geldbuße 3000 : 30
(Tage) x 20 Tagessätze = 2000 Euro Strafe.
Ein berühmter
Bundesliga-Fußballer sagte „Arschloch”
zu einem Polizisten und wurde zu 20 Tagessätzen
zu je 5000 Euro (100.000 Euro) verurteilt.
Beleidigt ein
Lehrer seine Schüler, beträgt die Strafe
… (!).
Gerecht? Vorbild- und Erziehungsfunktion für
die Kinder fremder Eltern? |
Weit verbreitet sind
zudem die sublimierten Formen psychischer Gewalt. Einige
Beispiele:
- Das Ausspielen moralischer Überlegenheit
allein zum Zweck, ein Gefühl von Schuld und Unterlegenheit
auszulösen (eine sehr hinterhältige Aggressionsform,
die bei Schülern quälendes Leidensgefühl
bewirkt).
- Gekränkte Anklage und Erzwingen
von Mitgefühl, z. B. „Du hast mich enttäuscht,
was habe ich nicht alles für Dich getan, du bis
undankbar” (häufige und sehr wirksame Aggressionsmethode,
die bei Schülern seelische Bedrückung, Schuld-
und Minderwertigkeitsgefühle auslöst).
- Mit religiösen Argumenten:
„Der liebe Gott ist böse auf dich, wenn du
…”, „Du hast den Teufel in dir”
(eine uralte Methode besonders kirchlicher Institutionen).
- Vorausschauend
mit vorbeugender Drohung, z. B. „Um zu verhindern,
daß …”, „Ich kenne deine Schwester
und hoffe, daß du dich besser benimmst”,
„Damit du nicht wieder …” (eine besonders
gefährliche, aber sehr beliebte Methode autoritärer
Unterdrückung).
Angst
und Aggressivität
Ohne das Thema weiter
zu vertiefen, sei noch darauf hingewiesen, daß Angst
und Agression in vielen Formen mit unterschiedlichen Ursachen
auftreten:
Angst zählt zu
den völlig normalen (!) Reaktionsweisen aller Menschen
(Schutzmechanismus). Auch viele Angstreaktionen im Schulbereich
(z. B. Leistungsanforderung, Bewertung und Disziplinkonflikte
bei Schülern; Wunschvorstellung und Erwartungshaltung
bei Eltern, Versagensangst und Autoritätsprobleme bei
Lehrern) gehören dazu, sind als kaum vermeidbar anzusehen
und von der psychischen Gewaltausübung abzugrenzen.
Dasselbe gilt für
Aggressivität als wesentlicher Faktor der Persönlichkeitsentwicklung,
die ein Schüler in positivem Sinne auszuleben und nicht
„in sich hineinzufressen" hat. Natürliche
Aggression gehört zum ganz normalen Reifevorgang im
Kinder- und Jugendalter. Falscher Umgang mit Aggression
in der Entwicklungsphase kann zur Fehlentwicklung der charakterlichen
Prägung führen, die lebenslang bestehen bleibt,
z. B. mangelnde Kritikfähigkeit und Zivilcourage, aggressives
Verhalten gegen Mitmenschen nach Wegfall von Unterdrückung,
Wiederholung von Vorbild-Erfahrung bei der Erziehung eigener
oder gar fremder Kinder (Lehrer – Schüler!).
Aggressivität als
Auslöser von Gewaltdelikten kann zudem auch krankheitsbedingt
vorkommen, z. B. in einer akuten Phase von Schizophrenie.
Betroffen ist immerhin 1 % der Bevölkerung. Über
den Schüler- und Lehrer-Anteil an diesem Krankheitsbild
ist keine Statistik bekannt.
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/ E103 / 16.10.08